Übersicht Ich habe ein Problem mit Alkohol 07.01.22

Ich habe ein Problem mit Alkohol

Offensichtlich ist es keine Sucht oder Abhängigkeit, sondern viel eher eine sehr extreme Abneigung. Das hat unterschiedliche Gründe, moralische, wie auch durch Externe geprägte.

Meine Argumentation zu diesem Thema ist sehr komplex, dennoch halte ich mich ohne Probleme an meinen Grundsatz im Leben nicht zu trinken und ebenfalls wilden Konsumveranstaltungen fern zu bleiben.

Moralisch rechtfertigt sich das Nicht-trinken, da für mich die gesell­schaft­liche Akzeptanz und das damit verbundene Alter viel zu locker gesehen werden. Es ist immerhin eine Droge, die bei etwas Unvorsichtigkeit schnell ein Leben beenden kann.

Oft spielt da auch der Einfluss der Eltern eine große Rolle, denn ohne sie gäbe es an einem zwölften Geburtstag nicht schon Jäger­meister oder Klopfer. Und um Himmelswillen möchte ich mich in keine Erziehung ein­mischen, fiel mir nur auf.

Dazu kommt eine Ansammlung an Erlebnissen in jungem Alter, die vermutlich sowas wie ein Trauma zurück­gelassen haben[1]. Kurz gesagt fühle ich mich extrem unwohl, bin ich von ange-/betrunkenen Menschen umgeben. Oft reichen sogar die Gedanken daran und mir wird übel.

Zum Glück(?) kann ich nicht aus persönlichen Erfahrungen sprechen, wie es sich anfühlt, unter Alkoholeinfluss zu stehen.

Ja, man sollte grund­sätzlich eigene Erfahrungen machen, trotzdem gilt es zu unterscheiden, ob diese es wirklich wert sind oder man nur selbst das nachmacht, was schon viele Menschen vor einem erlebten, ohne sicher einen anderen Ausgang der Situa­tion erwarten zu können. Es ist halt nicht immer alles nur schwarz oder weiß.

Dass ich mit zehn Jahren die einzig nüchterne Person auf einer Hochzeit war und so ohne eine Ansprechperson eine ganze Nacht auf mich gestellt war, oder dass ich wortwörtlich das Leben anderer Menschen in den Händen hielt – alles mögliche Auslöser meiner Gefühle. Irgendwas davon wird sich aber so unterbewusst in meinen Denkmuskel eingebrannt haben, dass es mich nun schon lange verfolgt und auch beeinträchtigt.

Mal abgesehen von meinen mentalen Barrieren und Ängsten finde ich es absolut unproblematisch und total legitim, wenn man *nebenbei* etwas trinkt oder *mal* ein Glas Wein. Es ist eben ein Genuss und die Dosis macht bekanntlich das Gift.

Was für mich jedoch absolut nicht nachvollziehbar ist, ist das Trinken selber, das freiwillige sich-die-Kante-geben, sich einen hinter die Rüstung zu römern oder sich einen in den Damm zu biebern[2], zur Hauptaktion eines Abends zu deklarieren. Wir leben von Erinnerungen und Momenten, die wir mit anderen erlebt und geteilt haben. Was also ist der Reiz daran, sich nach dem Aufwachen mit schmerzendem Kopf an nichts mehr zu erinnern, außer vielleicht durch ein paar Amateurfotografien und Snapchat Videos?

“Dann kann ich mal abschalten und einfach nur Spaß haben”

Nein, dann blendest du temporär deine Probleme aus und spielst dir beim riskieren deines Lebens eine heile Welt vor. Wie wäre es mit Therapie? Bietet nicht nur eine höhere Chance auf Besserung, sondern ist auch wesentlich nachhaltiger.

Es ist ja verständlich, dass man sich nicht immer mit seinen Probleme auseinandersetzen möchte und diese mentale Drecks­arbeit gerne vermeidet. Eine gute Voraussetzung für ein stabiles und gesundes Leben ist es jedoch nicht. Außerdem ist Alkohol und der steigende Pegel nur "beim Hochfahren" angenehm[3], was eintretende depressive Phasen und auch negative Gefühle am temporären, wie auch nächsten Tag sehr gut erklärt.

Nun meine Frage: Ist das den Kick wirklich wert?

Ich habe nicht selten das Vergnügen die Frage zu beantworten, warum ich keinen Alkohol konsumiere. Neben den oben genannten Gründen ist mir ebenfalls nicht nur meine emotionale, sondern auch physische Gesundheit recht wichtig. Beim Nachdenken darüber ist mir eine weitere Erstaunlichkeit aufgefallen. Viele Menschen, auch einige aus meinem Umfeld, arbeiten sehr stark an ihrem Körper, gehen ins Gym oder halten sich anderweitig in Form.

Surprise, Surprise – sie trinken trotzdem. Und oft keine Menge, die man noch als gesund bezeichnen könnte. Wer nun auf die Salubrität seines Körpers Wert legt, hat sicherlich kein Interesse an einer verkürzten Lebenserwartung, Störungen bei der Blutbildung, Schwächung des Immunsystems, Herz­rhythmus­störungen, Darmkrebs oder Nerven­schädigungen[4].

Kontrolle

Großes Thema, ich weiß. Viele Menschen haben gerne Kontrolle, manche haben sich davon komplett befreit. Wie auch immer man es dreht, wird es jedoch zwei Seiten vom Keks geben.

Wer versucht, alles Mögliche in seinem*ihrem Leben zu kontrollieren, wird schnell merken, dass das nicht funktioniert. Ebenso ist das Loslassen jeglicher Kontrolle nicht hilfreich.

"One of the happiest moments in life is when you find the courage to let go of what you cannot change" postete ich mal auf Instagram. Fokussiert man sich nur auf die Dinge, auf die man wirklich Einfluss hat, erlangt man Kontrolle über alles, was sich von uns kontrollieren lässt.

Ja, und? Ein Ungleichgewicht von Kontrolle ist es, welches mir den Umgang mit alkoholisierten Menschen zusätzlich erschwert. Auf der einen Seite, da betrunkenen Menschen oft die Kontrolle fehlt. Andereseits habe ich nicht die Virtualität die gesamte Situation zu kontrollieren und mich um alles zu kümmern, was meiner Hilfsbereitschaft entgegentritt.

Ich will nicht ausschließen, dass es da von meiner Seite aus noch an Arbeit bedarf. Denn auf lange Sicht, ist das kein gesunder Umgang und ich muss lernen und verstehen, dass es auch mir nicht gegeben ist, Kontrolle über jede Situation zu haben.

Aber eigentlich sollten wir aufhören diese Frage zu stellen. Es fragt ja komischer Weise auch keiner: Warum trinkst du? [...] Es ist doch seltsam, dass es gesellschaftlich anerkannter ist regelmäßig eine harte Droge zu konsumieren, als es nicht zu tun.

Und mit dieser AMA Antwort von Max Richard Leßmann schließe ich meine Gedankensammlung. Ich freue mich auf Reaktionen und Gespräche, Zustimmung wie auch einen offenen Diskurs über Kritik.